Zu der Zeit, als ich in der vierten Klasse war, entschied meine Klassenlehrerin allein, ob ein Kind auf die Hauptschule, die Realschule oder das Gymnasium versetzt wurde. Meine Noten waren nicht schlecht. Aber ich hatte die falschen Eltern. Ich wurde in einen Arbeiterhaushalt hineingeboren. Weil meine Eltern umständehalber kein Englisch sprechen konnten, meinte die Klassenlehrerin, dass ich als Kind einer Arbeiterfamilie ohne die Unterstützung meiner Eltern beim Erlernen der englischen Sprache auf der Realschule oder auf dem Gymnasium keine Chance hätte. Sie entschied: Hauptschule. Es war vermutlich nur ein vorgeschobener Grund.
In der fünften Klasse der Hauptschule gehörte ich zu den Klassenbesten. Am Ende des Schuljahres bestand ich die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium.
Am Ende des zehnten Schuljahres hatte ich einen durchschnittlichen Notenschnitt und die Mittlere Reife, mit der ich noch drei weitere Jahre bis zum Abitur hätte weitermachen können. Ich gehöre zu den sogenannten geburtenstarken Jahrgängen und das Gymnasium platzte mit all den Schülerinnen und Schülern aus allen Nähten. Die personelle Situation war angespannt und die Schulleitung hatte Probleme, die Oberstufe zu organisieren.
In einer konzertierten Aktion waren sich die Lehrerinnen und Lehrer sowie meine Eltern einig, dass ich besser eine betriebliche Ausbildung machen solle, anstatt das Abitur zu machen. Die Schule hatte Angst vor zu vielen Schülerinnen und Schülern und meine Eltern hatten Angst, mich noch weitere sechs Jahre durchzufüttern, wo sie doch jede Mark brauchten, um ihr neues Haus zu finanzieren. Sie schielten auf das Kostgeld aus meiner Ausbildungsvergütung.
Ich selbst …
ein Abschluss der zu
gar nichts geführt hat ist im
Grunde sehr wertlos
… war verstrickt in meiner Pubertät und meiner nicht ausgelebten Introversion (rückblickend betrachtet), sodass ich mich meinem Schicksal widerstandslos fügte. Der Ausbildungsberater des Arbeitsamtes war ratlos, welchen Beruf er mir empfehlen könne – trotz der vielen Testbögen, die ich ausfüllen musste. Meinen Eltern war klar: Der Junge gehört in eine Verwaltung.
Also bewarb ich mich bei allen Verwaltungen des öffentlichen Dienstes, derer ich fündig wurde. Ich hatte die Wahl zwischen drei Ausbildungsplätzen. Ich entschied mich für den vermeintlich unpolitischsten. Das üppige Kostgeld klingelte im Portemonnaie meiner Eltern. Nach drei Jahren bestand ich die Abschlussprüfung zum „Sozialversicherungsfachangestellten mit dem Schwerpunkt Krankenversicherung”. Meinem Arbeitgeber gefiel meine Arbeit und mein Einsatz, sodass er mich zur zweijährigen Fortbildung zuließ. Auch diese Prüfung bestand ich, und von nun an durfte ich Führungsverantwortung übernehmen.
Es begann eine Zeit, in der ich mit meinem Beruf, meiner Arbeit und meinem Arbeitgeber haderte. Ich beschloss, bald ein nebenberufliches Studium der Verwaltungsbetriebswirtschaft an einer Verwaltungs- und Wirtschafts-Akademie (VWA) zu beginnen. Mein Ziel war der Land- oder Bundestag.
Doch dann kam etwas anderes dazwischen, sodass ich dieses Studium erst fünf Jahre später aufnahm und nach sechs Semestern erfolgreich abschloss. In der Zwischenzeit hörte ich auf, mit meinem Beruf, meiner Arbeit und meinem Arbeitgeber zu hadern, und erwarb den Abschluss des Verwaltungsbetriebswirts (VWA) just for fun. Es waren schöne Jahre, die meiner Bildung gut taten. Rückblickend bereue ich meinen schulischen und beruflichen Weg nicht. Es hat sich alles gefügt, sodass ich in allem einen Sinn erkenne.
What colleges have you attended?
