Als die Oma dement wurde. | dailyprompt

Ich liebte den grauen Sessel, der rechts vom Fenster stand, und den Eck-Ablagetisch mit hoher Leselampe, der rechts daneben stand. Rechts um die Ecke des Lesetisches stand eine zweigeteilte Vitrine. Die linke Seite der Vitrine aus dunklem Holz war durch eine schiebbare Glastür verschlossen. Dahinter standen auf Glasböden Likör-, Sekt- und Weingläser sowie eine Flasche mit Pfefferminzlikör. Von diesem kostete ich heimlich. Die rechte Seite der Vitrine war durch eine schiebbare Holztür verschlossen. Dahinter verbarg sich ein Schallplattenspieler, der sowohl Schellackplatten mit 78 Umdrehungen pro Minute als auch Langspielplatten mit 33 Umdrehungen pro Minute und Singles mit 45 Umdrehungen pro Minute abspielen konnte. Man konnte mehrere Schallplatten übereinander auf die senkrechte Spindel in der Mitte des Plattentellers legen; sie wurden nacheinander abgespielt. Als Lautsprecher diente ein altes Transistorkofferradio, das dafür aus der Küche geholt …

der Ohrensessel
Ecklesetisch Schirmlampe
Musikvitrine

… und angeschlossen werden musste. Unterhalb des Plattenspielers gab es eine Sammlung von Schellackplatten. Das alles befand sich in der Wohnung meiner Oma.

Ich weiß nicht, ob ich als Jugendlicher oder junger Erwachsener einmal erwähnte, dass ich diese drei Möbelstücke gerne erben würde.

Meine Oma wurde dement. Die Wohnung wurde aufgelöst und sie zog zu meinen Eltern, ihrer Tochter. Das erfuhr ich erst später. Ich war mit Familie, Haustieren, Beruf und Studium ausgelastet. Dann zog die Oma in ein Pflegeheim. Danach ins Grab.

Als ich meine Oma bei meinen Eltern besuchte, hing ihre Pendelwanduhr bei ihnen an der Wand, und in den zwei kleinen Zimmern, die sie nun bewohnte, standen noch ein paar Möbelstücke aus ihrer Wohnung. Sessel, Lesetisch und Musikvitrine konnte ich nicht sehen. Ich fragte danach. „Die haben wir dem Sperrmüll übergeben.“

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Autor: Bernd @Krise? Welche Krise?

» ... Ist es möglich; daß man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur, Religion und Weltweisheit an der Oberfläche des Lebens geblieben ist? Ist es möglich, daß man sogar diese Oberfläche, die doch immerhin etwas gewesen wäre, mit einem unglaublich langweiligen Stoff überzogen hat, so daß sie aussieht wie die Salonmöbel in den Sommerferien? Ja, es ist möglich. ... « – Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, 1910 ====================

7 Kommentare zu „Als die Oma dement wurde. | dailyprompt“

  1. Danke für den Beitrag und dafür dass Du so viele Details ansprichst, die wir „in the heat of the moment“ vernachlässigen (und es oft später bereuen).

    Ich schreibe seit ein paar Jahren „offline“ an einer Familienchronik. Es ist enorm aufwendig an Informationen zu kommen, aber gleichzeitig sehr bereichernd. Das Projekt schenkt mir Reisen an Orte, wo meine Vorfahren lebten und Themen für Gespräche mit entfernten Verwandten, wo ich sonst keinen Kontakt gehabt hätte. Außerdem habe ich das Gefühl etwas Sinnvolles zu tun, in den ich die Erinnerung an meine Vorfahren belebe und gleichzeitig aus der Geschichte und ihren Lebensentscheidungen lerne. Es ist geradezu berauschend sich in die „Mokassins“ meines UrUrUrgroßvaters zu begeben, der Pächter auf einem Gut in Holstein war und erleben durfte wie der Herzog von Plön (Carl Friedrich), der ein sehr aufgeklärter Gutsherr war und zu den „Abgetrennten Herren“ gehörte, in seinem Herzogtum schon 1746 die Leibeigenschaft abschaffte. Leider verstarb er ohne Erben – was dazu führte, dass sein Besitz 1746 zurück an den dänischen König fiel, wo damals noch Leibeigenschaft und Patrominalgesetzgebung galten. Mein UrUrUrgroßvater engagierte sich dann gegen den dänischen König, konnte einer Verhaftung durch dänische Truppen nur knapp entgehen.

    Gedankensprung: Bedeutung der politischen Entwicklungen hin zu totalitären Regimen (Abschaffung von Gewaltenteilung, Unterlaufen des Völkerrechts, Machtstreben, „Alternative Fakten“) für unsere Freiheit…

    Aber auch das Wegwerfen alter Technik, die Deine Oma wahrscheinlich mehrere Jahrzehnte nutzte, allgemein die Wegwerfmentalität der Menschen wird in Deinem Beitrag angesprochen… eine „suboptimale“ Zeiterscheinung der Gegenwart…

    … der Umgang mit dem Phänomen Demenz, Überalterung der Gesellschaft und Trennung von der Familie am Ende des Lebensweges lässt mich nachsinnen, was ich selbst besser machen könnte und wie wir als Gesellschaft mit den familiären Herausforderungen gut umgehen können …

    Zusammenfassend kann ich sagen Dein Beitrag hat mich auf ganz unterschiedlichen Ebenen bewegt und wird mich über den Tag begleiten.

    Herzlicher Gruß, Pettersson

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